USA (2008), Designers: Mike Krahulik, Jerry Holkins
Ein weiser Mann hat einmal gesagt: “Kritiker sind wie Eunuchen. Sie wissen genau wie´s geht, können´s aber nicht.” Und der Mann hat da alles andere als unrecht. Uns jedenfalls schaudert bei dem Gedanken was ein Großteil der Leute, die hierzulande oder sonstwo mit größtem Gusto Spiele, Filme oder sonst irgendetwas in der Luft zerreißen, tatsächlich abliefern würden, wenn sie auf einmal auf dem Stuhl des Directores eines Spiels oder eines Filmregisseurs platz nehmen würden. Nun, was das süffisante Zerfetzen von Spielen angeht, macht Gabe und Tycho bzw. Mike Krahulik und Jerry Holkins so schnell keiner was vor – mit spitzer Zunge und spitzem Zeichenstift regiert dreimal pro Woche auf Penny Arcade der Wahnsinn und jeder Entwickler, jeder Producer, jeder Schreiberling und jedes Spiel, das es verdient, bekommt sein Fett weg.
Und wenn gerade die beiden jetzt ein eigenes Spiel auf den Markt bringen, dann ist das ja eigentlich schon fast eine Einladung an all die Geschmähten der letzten Jahre, es Mike und Jerry heimzuzahlen. Die einzige Möglichkeit zu bestehen ist, absolute Qualität abzuliefern und keine Kompromisse einzugehen. Ob das geklappt hat? Nun, an den Ambitionen scheitert Penny Arcade Adventures: On the Rain-Slick Precipice of Darkness keinesfalls.

Anstatt einfach das normale Setting des Webcomics umzusetzen und ein paar Minispiele und die üblichen Peniswitze aneinander zu reihen, haben sich die PA-Jungs und Spieleentwickler Hothead Games echte Gedanken gemacht und ein sehr cooles Lovecraft meets Steampunk-Szenario ausgedacht: Setting ist die Metropole Neo Arcadia in einer 20er Jahre-mäßigen Fantasy-Welt. Gabe und Tycho betreiben eine Detektei für alles Übernatürliche, die Stadt wird von einer Horde Roboter überrannt, die Zitrusfrüchten Unaussprechliches antun, und mitten drin seid ihr. Denn ihr steuert weder Gabe noch Tycho direkt. Vor Beginn bastelt ihr euch euren eigenen Avatar. Und hier glänzt das Spiel. Bastelt ihr eure Figur zunächst im recht stimmigen Editor noch als normales 3D-Model im Penny Arcade-Stil, ist auf einmal die Überraschung groß, wenn die Figur dann in der ersten Zwischensequenz im klassischen Krahulik-Stil gezeichnet und animiert auftaucht.
Überhaupt überzeugt das ganze Design des Spiels: Das Intro ist in seinem superschicken 2D-Look ein echter Hingucker, Farbwahl, Animation und Details gefallen einfach. Da ist es schon schade, dass nicht das ganze Spiel in diesem Look daher kommt – das eigentliche Spiel bestreitet ihr in einer recht klassischen 2D-Umgebung die zwar auch sehr hübsch und stimmig wirkt, aber gegen die tollen 2D-Sequenzen klar den Kürzeren zieht. Etwas gemischt ist auch die Akustik: Der Sprecher, der euch anfangs verbal begleitet, ist absolut hervorragend, leider verstummt er bereits nach kurzer Zeit, die Musik düdelt oft eher belanglos vor sich hin.
Das ist besonders in den extrem Final Fantasy-inspirierten Kampfszenen etwas schade – spielerisch sind die sehr unterhaltsam und recht anspruchsvoll. Wäre die Musik schmissiger, würden sie aber noch besser funktionieren. Trotzdem überzeugt auch das Spiel. Auf dem Gerüst eines klassischen JRPGs erforscht ihr einige Szenarien, kämpft in einem separaten Kampfbildschirm gegen die fiesen Roboter und redet mit allerlei Leuten, sammelt Items und rüstet eure Waffen auf. Nichts Neues, aber es funktioniert. Leider hapert es tatsächlich ein wenig am Umfang: Lediglich vier Hauptszenarien hat die erste Episode zu bieten -das ist nicht allzu viel, da wäre etwas mehr nicht verkehrt.
Trotzdem ist der Umfang okay – ihr werdet für einige Stunden sehr gut unterhalten und fühlt euch niemals über den Tisch gezogen, da es für alle Hardware-Varianten eine ‘runterladbare Demo gibt, kauft ihr auch nicht die Katze im Sack. Aber natürlich solltet ihr eine gewisse Affinität zum Penny-Arcade-Humor mitbringen – wer die Figuren nicht kennt, der wird bei einigen Dingen erstmal verwundert die Augenbraue nach oben ziehen und möglicherweise mit der Mischung aus hintergründigem Humor und derben Kalauern so seine Probleme haben.

Kennt ihr euch aber mit Gabe und Tycho aus, dann begeister das Spiel. Der Humor wurde exzellent übertragen und das Skript ist erstklassig – für jeden Briefkasten, den ihr anseht, bekommt ihr einen individuellen Kommentar, die Multiple Choice-Dialoge sind ebenfalls für etliche Lacher gut. Da ist es nicht ganz nachvollziehbar, dass herumlaufende Passanten euch oft mit den gleichen Standardsätzen abspeisen – da hätten wir uns noch über etwas mehr Sorgfalt gefreut. Aber warten wir ab – bisher liegt nur die erste Episode vor. Die weiß bereits zu überzeugen, aber mit etwas mehr Feinschliff könnte der zweite Teil ein echter Hit werden.
Natürlich gibt es Penny Arcade Adventures nur in englischer Sprache. Das schließt zwar ein paar Spieler aus, ist aber letzten Endes das Beste – das Spiel lebt extrem von seinem Skript und auch den Bezügen auf den ebenfalls nur in Englisch erscheinenden Webcomic. Eine Übersetzung hätte es sehr schwer, die gleiche Wirkung auf die Fans zu erzielen. Denn um die geht es hier letzten Endes. Das Spiel ist zwar auch für PA-Unkundige zugünglich und spielbar, aber man merkt doch fast immer, dass es in erster Linie für die zahllosen Fans entwickelt wurde. Zählt ihr euch zu denen, dann lohnt der Download allemal. Kennt ihr den Webcomic nicht, dann lest schleunigst rein und seht euch zumindest die Demo an – vielleicht ist es der Beginn einer langen Lese-Freundschaft.
Text Copyright Thomas Nickel 2008
Bilder Copyright Penny Arcade, Hothead Games
Thomas Nickel









