Corpse Party
Corpse Party

Plattform: PSP
Japan (1996/2011), Composer: Mao Hamamoto

Der Grusologe von Welt weiß es längst: Echter Horror findet im Kopf statt. Was ihr euch da ausmalt, das ist um Welten schlimmer als jedes sabbernde HD-Monster und jede Kettensäge, die sich sauber animiert durch zuckende Polygon-Glieder frisst. Und genau das ist es, was Corpse Party so teuflich macht: Durch die toll geschriebenen Texte wandert der Horror von der PSP direkt in euren Kopf.

Dabei fängt alles so harmlos an, das Spiel lullt euch Anfangs in ein absolut falsches Gefühl von Sicherheit. Die simple 16Bit-Grafik, die Figuren, die wie die ältesten Klischees aus der Anime-Klamottenkiste wirken… doch ehe ihr euch verseht, seid ihr in einer so gnadenlosen, so traurigen und so ausweglosen Horrorgeschichte, dass selbst Silent-Hill-gestählte Grusel-Kenner an ihre Grenzen kommen.

Die nur auf den ersten Blick so nett-harmlosen Protagonisten finden sich nach einer kleinen Nacht-Party in ihrer Schule plötzlich in den verfallenen Gängen und Klassenzimmern der Heavenly Host High School wieder. Die stand früher am Ort ihrer heutigen Schule, wurde aber nach grauenhaften Ereignissen, die sich erst im Verlauf des Spiels enthüllen, geschlossen und abgerissen.

Ein Entkommen aus dem Schulgebäude scheint unmöglich, wie die unzähligen Leichen dort beweisen. Wer nicht von den bösen Geistern der Schule getötet oder tödlich verletzt wird, der begeht Selbstmord oder wird verhungern – Schicksale, die ihr durch die zahlreichen Notizen mit den früheren Opfern teilt.

Auf Action und Kämpfe verzichtet Corpse Party praktisch komplett, und auch wenn es aussieht wie ein 16Bit-Rollenspiel, so ist Corpse Party doch am ehesten als Visual Novel zu bezeichnen. Ihr lauft zwar viel durch das Schulgebäude, folgt aber meist dann den Dialogen und Sequenzen. Dank des exzellenten Skripts und der sehr atmosphärischen (japanischen) Sprachausgabe werden diese niemals lästig.

Tatsächlich vermitteln die Texte den Horror von Corpse Party weitaus besser als jede grafische Darstellung. Wenn die Figuren langsam zuerst die Hoffnung und dann den Verstand verlieren, wenn ihr einen Fehler macht und nur über die Gedanken des Protagonisten miterlebt, wie dieser gerade lebendig begraben wird… Trotz seines harmlosen Äußeren ist Corpse Party definitiv kein Spiel für schwache Nerven.

Und dann ist da noch der Soundtrack. Kurz gesagt: Wenn ihr Corpse Party nicht mit guten Kopfhörern spielt, dann entgeht euch ein großes Teil der Atmosphäre des Spiels. Die grandiosen Kompositionen schwanken zwischen optimistisch-hoffnungsvoll und absoluter Verzweiflung, die Soundeffekte und Sprachausgabe beeindrucken mit einem hervorragenden Raumklang-Effekt – immer wieder schaut ihr euch um, was da gerade hinter euch passiert.

Zugegeben, Corpse Party ist sicher nicht jedermanns Sache. Die Interaktivität hält sich genrebedingt in engen Grenzen und wer eisern auf explizite Grafik schwört, der wird mit dem 16Bit-Look von Corpse Party nicht warm werden. Dazu sollte man auch ordentliche Englischkenntnisse mitbringen – bei einem solchen Nischenspiel wäre eine deutsche Lokalisation schlichtweg nicht rentabel. Lasst ihr euch aber auf das eigenwillige Corpse Party ein, dann bekommt ihr hier japanischen Horror in seiner reinsten Form. Eine unheimliche, grausame, tragische Geistergeschichte für Genießer. Selten waren Pixelfiguren so verstörend wie hier.

Bilder, Video Copyright XSeed Games


Thomas Nickel


Kommentare

Hahaha, hab’ gestern Abend noch nachgesehen, ob ihr dazu ein Review habt und nun ist eines da. :) Freu freu freu.

Nina · 20. Dezember 2011, 10:36 · #


Mensch Thomas, Du bist schuld daran, daß ich soviel PSP Games kaufe ;-) Kaum habe ich dein Review gelesen und die Homepage von Corpse Party angeschaut, lief auch schon der Download…. Die Musik auf der HP ist auch schon teilweise der reinste Ohrwurm!

— Herbert · 20. Dezember 2011, 19:49 · #


 
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