Braid
Braid

USA (2008), Game by: Jonathan Blow, Graphic Art: David Hellman, Musik: Jami Sieber, Shira Kammen, Swan, Cheryl Ann Fulton

Braid kann man von vielen verschienenen Punkten aus angehen. Man kann in eine Review über das Spiel ganz profan über den Preis einsteigen – Braid kostet mehr als die meisten anderen XBLA- oder PSN-Releases. Oder man geht über die Grafik: Die handgemalten Szenarien von Braid sind oft von atemberaubender Schönheit, und so manch ein Spieler fragt sich zurecht, warum man uns so etwas jahrelang zugunsten austauschbar-buntigerer 3D-Welten vorenthalten hat. Oder man geht die Spielmechanik an – ists ein Jump’n Run, ists ein Puzzlespiel? Oder über die Qualität der Rätsel. Braid bietet so manchen Gehirnknacker, der euch weinend wie kleine Mädchen das Pad in die Ecke werfen lässt.

Eine schwere Auswahl. Aber ich glaube, wir entscheiden uns heute dafür, euch unter Druck zu setzen: Wir erklären euch, warum es für einen Spieler, der sich für mehr als nur Framerate, Bump-Mapping und Headshots interessiert, Pflicht ist, Braid zu spielen. Und wenn es nur die kostenlose Demo ist. Denn wie Penny Arcade es ja schon so schön beschreibt – die Spielerschar hat kein Problem damit, Geld in nerdige T-Shirts oder grauses Junkfood zu investieren, aber wenn man ihnen ein absolutes Ausnahmespiel vorsetzt, das mal etwas mehr Kies kostet als sein ziemlich durchschnittlicher Banknachbar, dann ist das Gejaule wieder groß.

Also, warum müsst ihr Braid kaufen?

1. Braid ist wunderschön. Ich gebe es zu, ich war gefesselt, als ich den Startbildschirm erblickte. Der Held, nur als Silhouette zu sehen, läuft von links nach rechts durch das atemberaubende Szenario einer Stadt im abendlichen Zwielicht. Lichtsetzung, Parallax-Scrolling, Details im Hintergrund, Musik – alles greift auf magische Weise ineinander und fesselt den Spieler von der ersten Sekunde an an die Konsole. Und Braid lässt nicht nach. Auch im weiteren Spielverlauf werden euch Szenarien vorgesetzt, die sich nicht ansatzweise mit den billigen Highres-3D Levels anderer XBLA-Titel vergleichen lassen. Braid ist in dieser Beziehung eine Klasse für sich.

2. Braid ist ein 2D-Jump’n‘Run mit Twist. Was zunächst noch simpel wirkt – am Anfang habt ihr lediglich eine Rückspulfunktion – wird mit fortlaufender Spieldauer immer faszinierender. Spätestens wenn ihr dann in Welt vier auf einmal merkt, dass der Ablauf der Zeit und eurer Bewegungen perfekt aneinander gekoppelt sind, dann jubilieren eure Gehirnwindungen. Puzzle wie hier habt ihr noch nicht gelöst, und das Triumphgefühl, die zunächst für unlösbar gehaltene Aufgabe gemeistert zu haben, schlägt die Freude über jeden Sieg im Online-Deathmatch von Halo und Konsorten.

3. Braid spielt sich einfach gut. Das Spiel ist auf lange Sicht weit eher ein Puzzler als ein Jump’n‘Run, aber das hindert es nicht daran, sich wie ein richtig guter Hüpfer zu spielen! Und das hindert euch auch nicht daran, das Spiel zunächst mal wie einen Mario Titel anzugehen. Denn die erwähnten Puzzles beziehen sich nicht auf euer Vorankommen, sie beziehen sich nur auf das Erhaschen von Puzzlestücken. Derer gibt es pro Welt zwölf – und nur wer alle hat, der hat eine Welt wirklich gemeistert. Durchhüpfen und sich dabei gut amüsieren geht immer. Aber hier werdet ihr stark wie selten ermutigt, euch wirklich mit den Levels, der Spielmechanik und den faszinierenden Zeitspielereien zu beschäftigen.

4. Braid bietet inhaltlichen Mehrwert. Die Handlung über eine wohl verflossene Liebe des Helden und auch sein Verhältnis zur Zeit ist überraschend komplex und lädt euch zum hinterfragen ein. Wohlgemerkt: Sie LÄDT EUCH EIN. Sie schmiert euch keinen philosophischen Diskurs aufs Brot wie so manches JRPG das gerne mal versucht, aber selten schafft. Wollt ihr die Handlung nicht lesen? Kein Problem – lauft an den Büchern, die unaufdringlich zu Beginn einer jeden Welt platziert sind, vorbei und macht euch gleich ans Eingemachte. Wer aber die kurzen, stimmig geschriebenen Texte trotzdem liest, der wird im Spiel noch eine weitere Qualitätsebene entdecken, die es über so viele seiner Mitbewerber erhebt.

5. Wer Braid kauft, der tut aktiv etwas für sein Lieblingsmedium und hat auch noch Spaß dabei! Denn mal ehrlich, wie oft rufen wir alle nach eigenständigen, innovativen Spielen und lassen sie dann links liegen, wenn sie tatsächlich kommen, um stattdessen den grafisch wunderbar aufpolierten Aufguss einer seit Jahren bekannten und etablierten Serie zu kaufen? Hier ist einmal eine Gelegenheit, ein echtes Indie-Produkt zu erwerben, damit richtig Spaß zu haben und ein Statement zu setzen, dass wir mehr solche Spiele wollen! Die Download-Dienste von Microsoft, Sony und Nintendo öffnen ja quasi Tür und Tor für die kleinen, engagierten Entwickler, und Spiele wie Lost Winds oder eben Braid nutzen die neuen Vertriebswege einfach perfekt und bieten für ihr Geld nicht nur tolle Spielbarkeit, sondern auch eine rundweg gelungene Präsentation und genau den richtigen Umfang. Auf 20 Stunden aufgeblasen würde Braid viel von seiner Faszination verlieren, als vier bis fünf Stunden-Titel fesselt euch Braid dagegen vom Anfang bis zum Schluss. Und bevor jetzt wieder jemand anfangt rumzugnöken, “Für ein Fünf-Stunden-Spiel geb ich doch kein Geld aus”, bedenkt mal dies: Ein Kinobesuch am Wochenende schlägt auch mit mindestens acht bis zehn Euro zu Buche – da sind 15 Euro für fünf Stunden Spielspaß nun wirklich nicht übermäßig viel.

Wir haben euch jetzt eine schöne Auswahl an Punkten genannt, die euch zum Download und Kauf von Braid bewegen sollen. Ob ihr das tut ist eure Sache, wir können euch natürlich zu nichts zwingen. Aber wir können es euch nochmal inständig nahelegen: Investiert zumindest ein wenig Zeit in die KOSTENLOSE Demo von Braid. Und wenn euch die dann (wie wir erwarten) gefällt, dann kauft das gute Stück – ihr werdet es nicht bereuen.

Text Copyright Thomas Nickel 2008
Bilder Copyright Number None Inc.


Thomas Nickel


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